Als Elektronik noch mehr wert war und was der Chipmangel von heute damit zu tun hat

Der Lötkolben glühte, meine Finger zitterten leicht. Ich hatte gerade einen einzelnen Transistor aus einem kaputten Radio herausgelötet. In den 1980er Jahren saß ich oft stundenlang über ausgeschlachteten Platinen und suchte nach einem einzelnen Transistor oder anderen Bauteilen, die noch irgendwie zu gebrauchen waren. Neue Bauteile hätten damals locker mehrere Mark gekostet, für einen Schüler wie mich eine ernstzunehmende Summe.

Es war eine Zeit lange vor den Angeboten auf AliExpress, Amazon und wie sie alle heißen mögen, wo es ganze Bauteilesortimente mit 200, 350 oder gar 600 einzelnen Bauteilen für relativ wenig Geld zu kaufen gibt. Zur damaligen Zeit wäre das (mit dem notwendigen Kleingeld natürlich) ein wahre Schlaraffenland gewesen. Und nicht nur das. Auch die Preise für andere Elektronik bewegen sich (noch) in Bereichen, die damals undenkbar waren.

Also wurde damals gelötet, gemessen, wieder gelötet, bis das gute Stück seinen Weg in die nächste Reparatur fand. Diese frühen Jahre in der Elektronik haben mich geprägt, und sie liefern heute, vierzig Jahre und zehn Fachbücher später, eine Perspektive, die in der aktuellen Debatte um Chipmangel und Taiwan-Abhängigkeit oft fehlt. Nur wer selbst erlebt hat, wie wertvoll damals einige Bauteile waren, blickt anders auf die heutige Halbleiterkrise als jemand, der sie nur aus Nachrichtenmeldungen kennt.

Genau diesen Blick möchte ich hier anbieten. Die Frage, woher der Chipmagel kommt und warum ausgerechnet die Chipfertigung in Taiwan darüber entscheidet, ob Fabriken in Europa stillstehen, lässt sich am besten verstehen, wenn man sie mit der Bauteilknappheit früherer Jahrzehnte vergleicht. Manches hat sich fundamental verändert, anderes wiederholt sich in überraschend ähnlicher Form. Und darum soll es in diesem Beitrag gehen.

In diesem Beitrag erfahren Sie, warum die Bauteilknappheit der 80er Jahre und die heutige Chipkrise auf den ersten Blick ähnlich zu sein scheinen, in Wirklichkeit aber ganz unterschiedliche Ursachen haben. Lesen Sie, weshalb Speicherchips seit Ende 2025 derart teuer geworden sind und welche Rolle der KI-Boom dabei spielt. Und erfahren Sie, warum ausgerechnet die Chipfertigung in Taiwan über die Versorgungssicherheit der gesamten Weltwirtschaft entscheidet und was Unternehmen und Verbraucher aus dieser Entwicklung für die kommenden Jahre mitnehmen sollten.

Warum Bauteile in den 80er Jahren für uns noch so wertvoll waren

In den 1980er Jahren gab es weder die globalisierten Lieferketten von heute noch die Massenproduktion, die Bauteile für wenige Cent verfügbar macht. Elektronikkomponenten kamen aus einer überschaubaren Zahl von Herstellern, oft aus Europa, Japan oder den USA, und der Weg vom Hersteller bis zur heimischen Werkstatt war lang und teuer. Ein Ersatztransistor oder ein spezieller IC konnte, gemessen am damaligen Preisniveau, ein kleines Vermögen kosten. Wer als Techniker oder Bastler arbeitete, entwickelte deshalb eine ganz eigene Fähigkeit: das systematische Ausschlachten defekter Geräte. Ein kaputter Fernseher, ein ausgedienter Verstärker, ein Radio mit kaputtem Netzteil, all das wurde zur Rohstoffquelle. Jedes brauchbare Bauteil und jede Platine mit noch brauchbaren Bauteilen wanderte erst einmal in eine Kiste, sortiert nach Typ und Wert und bereit für den nächsten Einsatz.

Diese Praxis war keine (oder zumindest nicht nur) Liebhaberei, sondern wirtschaftliche Notwendigkeit. Direktlieferungen aus China, wie sie heute selbstverständlich sind, existierten schlicht nicht in der Form, die wir heute kennen. Wer ein Bauteil brauchte, das nicht im eigenen Fundus lag, musste bestellen, warten und zahlen, oft alles drei zusammen. Diese Erfahrung hat mir früh vermittelt, dass Elektronik nie unabhängig von ihrer Lieferkette betrachtet werden kann. Ein Gerät ist immer auch das Ergebnis der Verfügbarkeit seiner Einzelteile, und diese Verfügbarkeit war schon damals keine Selbstverständlichkeit.

Der Wandel durch Massenproduktion und globale Lieferketten

Ab den 1990er und verstärkt den 2000er Jahren änderte sich dieses Bild grundlegend. Mit der Verlagerung großer Teile der Elektronikfertigung nach Asien, dem Aufbau gigantischer Produktionskapazitäten und der zunehmenden Standardisierung von Bauteilen sanken die Preise für Standardkomponenten drastisch.

Das Ergebnis: Ein einfacher Widerstand oder Kondensator kostet heute Bruchteile eines Cents, wenn er in großer Stückzahl bestellt wird. Das Ausschlachten alter Geräte, früher wirtschaftlich sinnvoll, lohnt sich für solche Standardbauteile schlicht nicht mehr. Der Zeit- und Energieaufwand für das Auslöten übersteigt den Materialwert um ein Vielfaches.

Interessant wird es jedoch bei gerätespezifischen Bauteilen. Ein gerätespezifischer Chip, ein nicht mehr produziertes Display oder ein spezielles mechanisches Teil lässt sich oft nur noch aus einem Spendergerät gewinnen, weil es im regulären Handel längst nicht mehr existiert. Diese Nische der Bauteilrettung, die ich in meiner praktischen Arbeit bis heute nutze, hat sich also nicht aufgelöst. Sie hat sich nur stark verengt. Aus einer breiten Notwendigkeit ist eine gezielte Spezialistenaufgabe geworden.

Chips und Speicherbausteine: der (Speicher-) Chipmangel von heute

Wer nun annimmt, die Zeiten teurer und knapper Elektronikkomponenten seien endgültig vorbei, irrt sich aber gewaltig Sie existieren immer noch, oder besser gesagt, sie sind zurück, nur in anderer Form als damals. Seit Ende 2025 erleben Speicherchips eine Preisentwicklung, die selbst erfahrene Marktbeobachter überrascht. Der Grund dafür liegt fast ausschließlich im Boom der künstlichen Intelligenz.

Rechenzentren für KI-Anwendungen benötigen enorme Mengen an Hochleistungsspeicher, insbesondere sogenannten High Bandwidth Memory, kurz HBM. Hersteller wie Samsung, SK Hynix und Micron verlagern deshalb ihre Fertigungskapazitäten zunehmend in diesen Bereich, was klassischen DRAM- und NAND-Speicher für PCs, Smartphones und Industrieanwendungen knapper macht.

Die Zahlen dazu sind eindrucksvoll. Im ersten Quartal 2026 stiegen die Vertragspreise für DRAM-Speicher im Vergleich zum Vorquartal um rund 90 bis 95 Prozent, bei Arbeitsspeicher für PCs sogar um über 100 Prozent, bei SSDs um fast 150 Prozent. Marktforscher gehen davon aus, dass sich der weltweite Speicherchipmarkt 2026 auf ein Volumen von knapp einer Billion US-Dollar mehr als vervierfacht, größtenteils getrieben durch die neue und immer größer werdende KI-Infrastruktur. Hyperscale-Rechenzentren nehmen inzwischen einen erheblichen Teil der weltweiten RAM-Produktion in Anspruch und lassen für klassische Anwendungen deutlich weniger übrig.

Für Unternehmen bedeutet das reale Planungsprobleme. Wer heute Server, Industriesteuerungen oder Consumer-Elektronik produziert, kalkuliert mit Bauteilpreisen, die sich innerhalb weniger Monate verdoppeln oder verdreifachen können. Das erinnert mich in seiner Grundstruktur stark an die Bauteilknappheit früherer Jahrzehnte, auch wenn die Ursachen komplett andere sind.

Damals fehlte die industrielle Infrastruktur für günstige Massenproduktion, heute übersteigt die Nachfrage einer einzigen, extrem wachstumsstarken Branche das verfügbare Angebot.

Warum die Chipfertigung so stark von Taiwan abhängt

Ein Aspekt der heutigen Situation, den es in den 80er Jahren in dieser Form nicht gab, ist die extreme geografische Konzentration der Chipfertigung. Früher war zumindest die Endmontage von Elektronikgeräten über viele Länder verteilt. Heute konzentriert sich die Produktion der fortschrittlichsten Halbleiter auf nur wenige Fabriken, allen voran auf die Werke von TSMC in Taiwan. Das Unternehmen hält einen Marktanteil von über der Hälfte des weltweiten Auftragsfertigungsgeschäfts für Chips, bei den technologisch anspruchsvollsten Prozessen liegt der Anteil noch deutlich höher. Kunden wie Apple, Nvidia und AMD sind für ihre modernsten Produkte praktisch vollständig auf diese eine Fertigungsquelle angewiesen.

Diese Konzentration ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis jahrzehntelanger Investitionen in Fertigungstechnologie, die kaum ein anderes Land oder Unternehmen in vergleichbarem Umfang aufgebaut hat. Der Bau einer modernen Chipfabrik kostet mittlerweile mehrere Milliarden Euro und erfordert Fachwissen, das sich nicht innerhalb weniger Jahre aufholen lässt. Genau darin liegt das strukturelle Risiko der heutigen Halbleiter-Lieferkette. Sollte es zu politischen Spannungen rund um Taiwan kommen, die den Betrieb oder die Auslieferung dieser Fabriken beeinträchtigen, wären die Folgen für die gesamte Weltwirtschaft weitaus gravierender als jeder Bauteilengpass, den ich in meiner Werkstatt je erlebt habe.

Was sich zwischen damals und heute wirklich geändert hat

Vergleicht man die Bauteilknappheit der 80er Jahre mit der heutigen Chipkrise, zeigt sich ein interessantes Muster. Früher war Knappheit ein wirtschaftliches Problem einzelner Werkstätten und Techniker. Begrenzte Produktionskapazitäten und lange Lieferwege innerhalb eines noch jungen globalen Handelssystems verursachten sie. Heute ist Knappheit ein strukturelles Problem der gesamten Weltwirtschaft. Eine Kombination aus geografischer Konzentration der Fertigung und einer einzelnen, extrem nachfragestarken Technologie namens künstliche Intelligenz verursacht sie.

Was sich dagegen kaum verändert hat, ist die grundsätzliche Lehre daraus. Wer sich auf eine einzige Quelle oder wenige Lieferanten verlässt, macht sich „verwundbar“. Das galt für den Bastler, der in den 80ern auf den einen Laden mit dem passenden Ersatzteil angewiesen war, und das gilt heute für Konzerne, die auf wenige Fabriken in Taiwan angewiesen sind. Die Skalierung hat sich radikal verändert, das Grundprinzip aber nicht.

Was der Chipmangel für Unternehmen und Verbraucher heute bedeutet

Für Unternehmen, die Elektronik entwickeln oder produzieren, lohnt sich angesichts dieser Lage ein Blick zurück in die Praxis vergangener Jahrzehnte. Diversifizierte Bezugsquellen, ausreichende Lagerbestände bei kritischen Komponenten und eine realistische Einschätzung der eigenen Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten waren schon vor vierzig Jahren klug. Und sie sind es angesichts der heutigen Speicherchip-Preise und der Taiwan-Abhängigkeit erst recht.

Verbraucherinnen und Verbraucher wiederum sollten sich auf spürbar steigende Preise bei Elektronikgeräten einstellen, solange der KI-Boom die Nachfrage nach Speicherchips derart dominiert. Analysten rechnen frühestens ab Ende des Jahrzehnts mit einer spürbaren Entspannung der Lage. Wer in den letzten Jahren eine SSD oder Speicherbausteine gekauft hat, kennt die Preisanstiege aus eigener Erfahrung.

Was mich an dieser Entwicklung persönlich am meisten interessiert, ist die Parallele zwischen der Kreativität, die Knappheit früher erzwang, und der Frage, ob unsere heutige Wirtschaft ähnliche Anpassungsfähigkeit noch aufbringt. Damals halfen improvisierte Lösungen und handwerkliches Geschick über die Engpässe hinweg. Bei der heutigen Chipkrise, die auf globalen Fertigungskapazitäten und geopolitischen Realitäten beruht, wird es diese einfachen Auswege nicht geben. Genau deshalb lohnt sich ein nüchterner, historisch informierter Blick auf ein Thema, das in der öffentlichen Debatte oft nur als abstrakte geopolitische Schlagzeile behandelt wird, in Wirklichkeit aber jeden betrifft, der heute einen Computer kauft oder ein elektronisches Gerät entwickelt.

Der Chipmangel und die Technik hinter den Schlagzeilen

Der Chipmangel zeigt exemplarisch, wie viel Technik hinter einer scheinbar einfachen Schlagzeile steckt. Genau diesen Blick hinter die Meldungen bietet auch mein Buch „Die Technik hinter den Schlagzeilen“.

Buchcover Die Technik hinter den Schlagzeilen von Gerd Weichhaus

Die Technik hinter den Schlagzeilen

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Mein neues Buch erklärt, was hinter den großen Themen unserer Zeit steckt: Halbleiter, Energiewende, Elektromobilität, Wasserstoff und Rechenzentren. Verständlich, fundiert und ohne unnötigen Fachjargon.

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Über den Autor

Gerd Weichhaus ist technischer Fachautor für verständliche technische Kommunikation. Er erstellt Fachbeiträge, Betriebsanleitungen und technische Dokumentationen und unterstützt Unternehmen dabei, komplexe technische Inhalte klar, präzise und praxisgerecht zu vermitteln. Mehr über den Autor