Wie ich Elektronik wirklich gelernt habe: der erste Bausatz, ein Aha-Erlebnis und was daraus wurde

Es gibt Momente, die man nicht so schnell vergisst. Und das, weil sich mit ihnen etwas verändert hat. Und zwar im Verständnis und in der Art, wie man auf Dinge schaut.

Für mich war so ein Moment Anfang 1986. Ich war Schüler, hatte gerade meinen ersten Lötkolben bestellt, zusammen mit einem Verstärkerbausatz von Conrad Electronic und ein paar Bauteilen, die ich später für andere Schaltungen verwenden wollte.

Die Bestellung mussten sogar noch meine Eltern unterschreiben. Das war damals so, wenn man als minderjähriger Schüler etwas bestellen wollte. Das Internet gab es noch lange nicht. Die Bestellung erfolgte per Bestellformular und auf dem Postweg.

Was ein Bausatz lehrt, das kein Lehrbuch ersetzen kann

Der Verstärkerbausatz war kein komplexes Projekt. Aber er war mein erstes. Und er hatte etwas, das ich vorher nicht hatte: eine Anleitung mit einem Widerstandsfarbcode.

Das klingt nach einer Kleinigkeit. Aber wer sich erinnert, wie es war, als es noch kein Internet gab, kein YouTube, keine Suchmaschine, der weiß, was es bedeutet, wenn man plötzlich versteht, wie man die Farbringe auf einem Widerstand liest. Zwei oder drei Farbringe für die Wertziffern, dazu ein Multiplikator und meistens ein Toleranzring. Das ist ein weiterer Farbring, dessen Farbe für einen bestimmten Wert der maximalen Abweichung vom Sollwert des Widerstandes steht. Und auf einmal macht ein Bauteil, das vorher nur ein kleines Ding mit bunten Streifen war, einen Sinn.

Das war mein erster kleiner Meilenstein. Das war zwar nicht spektakulär. Aber konkret und nachvollziehbar. Und genau das ist es, was echtes Lernen ausmacht. Heute kann ich den Widerstandscode auch ohne Tabelle „ablesen“. Das Prinzip dahinter ist ja logisch:

Der Widerstandsfarbcode auf einen Blick

Jede Farbe steht für eine Ziffer: 0 = Schwarz, 1 = Braun, 2 = Rot, 3 = Orange, 4 = Gelb, 5 = Grün, 6 = Blau, 7 = Violett, 8 = Grau, 9 = Weiß.

Mit diesen Farb-Ziffern-Kombinationen werden die Wertziffern eines Widerstands dargestellt. Weitere Farbringe geben den Multiplikator und häufig auch die Toleranz des Widerstands an.

Den Bausatz habe ich zusammengebaut. Er funktionierte auf Anhieb. Bestückt war er mit einem Verstärker-IC des Typs TBA810. Der Conrad-Verstärkerbausatz mit dem IC TBA810 war ein beliebter Einsteigerbausatz der frühen 1980er-Jahre. Mit nur wenigen Bauteilen ließ sich ein kompakter Mono-Audioverstärker für 12 bis 15 Volt Betriebsspannung aufbauen, der je nach Versorgungsspannung etwa 5 Watt Ausgangsleistung lieferte.

Dank der einfachen Schaltung auf einer kleinen Platine eignete sich der Bausatz besonders gut für Elektronik-Anfänger und erste Erfahrungen im Aufbau von NF-Verstärkern. Das war ein schönes Erfolgserlebnis, aber noch nicht das entscheidende.

Die astabile Kippstufe: Wenn eine Schaltung anfängt zu „arbeiten“

Das wichtigere Erlebnis kam kurz darauf. Es war eine astabile Kippstufe, also eine Schaltung, bei der zwei Transistoren abwechselnd schalten und dabei zwei LEDs im Wechsel blinken lassen. Wer sich für die genaue Funktionsweise interessiert: Ich habe diese Schaltung später ausführlich auf meiner Elektronikwebseite mit dem LED-Blinker beschrieben.

Damals baute ich sie zum ersten Mal ohne Anleitung auf, nur mit einem Schaltbild. Es gab keinen erklärenden Text, keine Schritt-für-Schritt-Anweisung. Nur das Schema, die Bauteile und die Frage, ob ich das, was ich sah, in eine funktionierende Schaltung übersetzen konnte.

Ich erinnere mich noch gut an den Moment, als ich die Stromversorgung anschloss – und sich erst gar nichts tat. Aufgebaut hatte ich die Schaltung in fliegender Verdrahtung, also die Bauteile direkt miteinander verlötet. Erst nach einiger Zeit der Fehlersuche fingen die LEDs schließlich an zu blinken. Ein erstes wirkliches Erfolgserlebnis für mich.

Nicht „es hat funktioniert, weiter zum nächsten Projekt.“ Es waren zwei Transistoren, die sich gegenseitig steuern, Kondensatoren, die aufgeladen und entladen werden. Also ein Rhythmus, der aus dem Zusammenspiel der Bauteile entsteht. Das war für mich Physik, die funktioniert, weil die Zusammenhänge stimmen.

Und das war das eigentliche Aha-Erlebnis.

Stunden des Experimentierens und was dabei wirklich gelernt wird

Ich habe diese Schaltung dann nicht zur Seite gelegt. Ich habe sie verändert. Kondensatoren getauscht, um die Blinkfrequenz zu verändern. Widerstände variiert. Ausprobiert, was passiert, wenn man einzelne Bauteile austauscht oder Werte verändert.

Irgendwann baute ich die Kippstufe so um, dass sie Töne erzeugte statt LEDs blinken zu lassen. Ich habe einige Stunden damit verbracht. Aber das nicht, weil mir jemand gesagt hätte, dass ich das tun soll. Ich wollte verstehen, wie sich diese Schaltung verhält, wenn ich an ihr verschiedene Bauteilewerte ändere.

Genau das ist der Unterschied zwischen Nachmachen und Verstehen.

Wer eine Schaltung nach Anleitung aufbaut und sie funktioniert, hat etwas geleistet. Aber wer dieselbe Schaltung so lange verändert, bis er vorhersagen kann, wie sie auf eine bestimmte Änderung reagiert, der hat etwas verstanden. Und wer etwas verstanden hat, kann es auch erklären.

Warum das bis heute einen Unterschied macht

Ich erzähle das nicht, um von einer vergangenen Zeit zu schwärmen, in der alles anders war. Das war es nicht, und Nostalgie ist ohnehin kein guter Lehrmeister.

Ich erzähle es, weil diese frühen Erfahrungen das Fundament für alles sind, was danach kam: Es waren Jahrzehnte praktischer Elektronikarbeit, Reparaturen an echten Geräten und schließlich das Schreiben von Fachbüchern, darunter Titel wie Elektronik für Dummies beim Wiley-VCH und später Elektronenröhren in der Praxis beim Elektor Verlag.

Wer meine Bücher liest, wird feststellen, dass die Erklärungen nicht aus zweiter Hand kommen. Dass die Beispiele aus echter Praxis stammen. Dass es mir nicht darum geht, Stoff zu vermitteln, sondern Zusammenhänge verständlich zu machen.

Das hat 1986 angefangen. Mit einem Bausatz, einem Farbcode für Widerstände und einer Schaltung, die plötzlich anfing zu blinken.

Im nächsten Beitrag dieser Reihe geht es um die Frage, was passiert, wenn Geräte kaputtgehen und was man dabei lernt, das kein Lehrbuch lehren kann. Lesen Sie gerne weiter im Beitrag Reparieren statt wegwerfen: was defekte Geräte lehren und warum das kein Lehrbuch kann

Über den Autor

Gerd Weichhaus beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Elektronik, Reparaturtechnik und technischer Fehlersuche. Er ist Autor mehrerer Fachbücher zu Elektronik, Netzteilen, Schaltungstechnik und Reparaturpraxis.

Viele der beschriebenen Lösungen basieren auf praktischen Erfahrungen aus der Reparaturpraxis. Mehr über den Autor

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